Globale soziale und revolutionäre Bewegungen
 

Krieg ums Gas und Insurrektion in Bolivien

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José Rostier (Rouge)

 

30.10.2003


http://www.globalradio.it/Als die indianischen Bauern, die Aimara, im September auf den Hochebenen ihre Kampagne der Straßenblockaden begannen, stellten sie dem ganzen Land ein grundsätzliches Fragezeichen: wem obliegt die Kontrolle der natürlichen Ressourcen? Denn Bolivien, welches das ärmste Land Lateinamerikas ist, verfügt nach Venezuela über die bedeutendsten Erdgasfelder. Um ihre Ausbeutung zu sichern, plante Präsident Sanchez de Lozada den Export einem multinationalen Unternehmen zu übergeben. Es umfasst die spanische Repsol, British Gas und American Energy. Das Konsortium reservierte sich 82% der erwarteten Eingänge.

Wie kann das Land aus der Misere geführt werden, wenn seine Ressourcen verkauft werden? Warum dienen sie nicht seiner Entwicklung? Warum werden sie nicht benützt, um damit Wohnungen und Unternehmen zu versorgen? Auf solche Fragen der Landarbeitergewerkschaft, der Confederación sindical unica del los trabajadores campesinos de Bolívia, antwortete die Regierung mit der Militarisierung der Zonen, die im Brennpunkt der Auseinandersetzung standen. Am 20. September feuerte das Militär auf die Demonstranten und tötete fünf Menschen.

Ein Kampf um die Kontrolle der natürlichen Ressourcen

Die Antwort der sozialen Bewegung erfolgte sofort. Die "Central obrera de Bolivia" (Zentrale der bolivianischen Arbeiter, Cob), rief zum Streik auf. Der Aufruf stieß auf ein breites Echo, das die gänzlich widersprüchlichen Positionen zwischen einer Regierung, welche die Interessen des Weltwährungsfonds vertritt, und besonders den kämpfenden Organisationen ausdrückte. Rücktritt des Präsidenten Sanchez de Lozada, verfassungsgebende Versammlung, Beendigung aller liberalistischen Konzepte der Politik: was auf der Tagesordnung steht, ist die soziale Republik.

Während Streiks die Hauptstadt paralysieren, erklären die Bauern der Hochebenen, dass sie sich im bewaffneten Aufstand befinden. Es geschah dieser unerwartete Zusammenschluss zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, den Che Guevara vergeblich herbei gewünscht hat und der Voraussetzung für einen effektiven Sieg der Massen darstellt.

Kugeln gegen Steine, schweres Geschütz gegen Dynamit, die Demonstrationen zeigen eines großes Gewaltpotential. Gegenüber den Massen, die bereit sind bis zum Äußersten zu gehen, ist die militärische Repression grausam und fordert 80 Tote. Am 16. Oktober versammeln sich 50.000 im Zentrum von La Paz. Die Armee ist unsicher und zieht sich, angesichts der Drohung einiger indianischer Soldaten, zu rebellieren, wieder zurück. Der Mittelstand, über die Massaker erschrocken, stellt sich auf die Seite der Demonstranten. Die Regierung fliegt auf. Sanchez de Lozada verliert die Kontrolle über das Land, wird zum Rücktritt gezwungen und flieht.

Man kann die Kraft des Aufstandes nicht begreifen, wenn man sich nicht auf die langen Erfahrungen der sozialen und revolutionären Kämpfe des Landes bezieht. Bolivien hatte schon im Jahre 1952 revolutionäre Erfahrungen gesammelt. Damals kam es unter der Leitung der Cob (Zentrale der bolivianischen Arbeiter) zu einer dualistischen Situation der Macht: mit den gewerkschaftlich organisierten Minenarbeitern auf der einen und der damaligen Regierung auf der anderen Seite.

Weiterhin haben 5 Jahrhunderte indianischen Widerstands gegen die Kolonisatoren jene Strukturierung und politische Bewusstheit der ländlichen Bereiche erzeugt, welche Grundlage der sozialen Bewegungen im Laufe der Krise der traditionellen Arbeiterbewegung in den sechziger und achtziger Jahren war. In jenen Jahrzehnten hat die Bourgeoisie, ermutigt durch Weltwährungsfond und den USA ein neoliberalistisches System errichtet: 1985 setzte sie per Dekret dem gemischten Charakter der nationalen Ökonomie ein Ende. Die darauf folgenden Reformen haben 200000 Minenarbeiter in Arbeitslosigkeit gedrängt und das öffentliche Dienstleistungssystem abgebaut: Der Wasserpreis hat sich um das sechsfache erhöht...

Im April 2000 wurde jedoch ein neuer Zyklus der Kämpfe mit einem Sieg eingeleitet. In Cochabamba verhinderte die Bevölkerung das Projekt einer Privatisierung des Wassers. Die Koordination zur Verteidigung des Wassers, welche die verschiedenen Initiativen des Kampfes zentralisierte, transformierte sich darauf in die nationale Koordination zur Verteidigung der Gasressourcen und spielte eine wichtige Rolle bei den aktuellen Mobilisierungen. Seitdem haben sich die sozialen Bewegung entschiedener gezeigt und sind auch härteren Repressalien ausgesetzt worden. Die letzte ereignete sich vergangenen Februar infolge von Kämpfen zwischen der streikenden Polizei und der Armee und provozierte 33 Tote.

Ein Stein im Stiefel des Imperialismus

Das Erstarken der sozialen Bewegungen brachte institutionelle Auswirkungen. In den Präsidentschaftswahlen 2002 erhielt Evo Morales (Bewegung für den Sozialismus, MAS) in allgemeine Wahlen die gleiche Stimmenzahl wie Sanchez de Lozada. Es wurde eine Abstimmung im Parlament notwendig, das wegen der unentschiedenen Situation von den USA unter Druck gesetzt wurde. Es entschied sich deshalb logischerweise für den Kandidaten des Neoliberalismus.

Sanchez de Lozada hat sich in die USA geflüchtet. Sein Absturz jedoch ist nur ein halber Sieg. "Wir haben eine Schlacht aber nicht den Krieg gewonnen." Darüber waren sich die Militanten der Cob einig, nachdem sie sich sofort in einer außerordentlichen Sitzung trafen. Die Mobilisierung der kämpferischen Massen übertraf bei weitem die Erwartungen aller Organisationen. Obwohl die Koordination zur Verteidigung von Gas zu Beginn der Kämpfe eine einigende Funktion ausübte, ist es den Organisationen MAS, COB, CSUTCB dennoch nicht gelungen, sich zu koordinieren und der Bewegung Rhythmus und ehrgeizigere Ziele zu geben. Kurz, es fehlte eine revolutionäre Leitung. Das Spiel ist noch nicht beendet. Armee und Parlament bleiben trotz ihrer Verbrechen funktionsfähig, sie sind jedoch starken Pressionen von Seiten der Massen ausgesetzt. Ein Referendum über das Gas, der Bruch mit der neoliberalen Orthodoxie, eine Verfassungsversammlung und Neuwahlen, das sind die Versprechungen die Carlos Mesa, der neue Präsident machte, um die Unruhen zu beschwichtigen. Heute ist seine einzige Sorge wie die Versprechungen zu brechen sind, denn es ist klar, dass er nicht ein Deut besser als sein Vorgänger ist...

Es ist jedenfalls unwahrscheinlich, dass es ihm gelingt, die Situation im Sinne der herrschenden Klasse zu stabilisieren. Wenn Evo Morales zur Befriedung aufruft, "um der neuen Regierung eine Atempause zu geben", zeigen sich die anderen gewerkschaftlichen Organisationen mehr in der Offensive. Die Mobilisierungen aufrechterhalten, eine Plattform des gemeinsamen Kampfes erstellen, den Rahmen gemeinsamer Initiativen festlegen, die in diesem Monat gefehlt haben: das sind die kurzfristigen Ziele, welche von Seiten der COB angekündigt wurden. Felipe Quispe, Leader der CSUTCB, erklärte seinerseits, dass es kurzfristig das Ziel sei, "die Macht zu übernehmen."

Das gesamte Lateinamerika hat aus der Nähe den bolivianischen Aufstand verfolgt. Sein effektiver Erfolg bedeutet ein Stein im Stiefel der USA, die dem Kontinent ein Freihandelsabkommen diktieren wollen (Alca, siehe Anhang). Das weiße Haus hat nicht irrtümlich die Repression unterstützt, es hat sie auch zum Teil selbst geleitet. Nach dem Scheitern des OMC-Gipfels in Cancun und angesichts des Widerstands in Argentinien, Brasilien oder Venezuela, ist das Verschwinden des Getreuen Sanchez de Lozada ein weiterer harter Schlag für die USA. Ganz abgesehen von den Gefahren der Ansteckung für die Andenstaaten: besonders das nahe gelegene Ecuador durchlebt eine Situation der sozialen Spannungen, wobei die Erdölressourcen die gleich Bedeutung wie das Gas haben könnten.

NACHTRAG

Die Bewegung der Indigenos gegen die Alca

Der bolivianische Aufstand bedeutet einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung des Kampfes gegen die ALCA (Abkommen über die Freihandelszone der amerikanischen Länder). Das Abkommen soll 2005 in Kraft treten und alle Länder von Alaska bis Feuerland einbeziehen. Die ALCA geht als globalere Organisation über die NAFTA (Freihandelszone Nordamerikas) hinaus, die Kanada, die Vereinigten Staaten und seit 1994 Mexiko umfasst.

Ihre entscheidenden Parameter sind: Öffnung der Grenzen für den Finanzfluss, Privatisierung der öffentlichen Dienstleistungen, totale Patentierung des Lebens, die Vorherrschaft multinationalen Rechts gegenüber dem der Staaten. Die Alca verlangt außerdem eine rigorose Einhaltung der strukturellen Korrekturpläne, welche vom Weltwährungsfond und der Weltbank verordnet werden. Dies heißt das Todesurteil für die nationalen Ökonomien der armen Länder. Die Erfahrungen der NAFTA belegen die in ihrer Ausdehnung auf den übrigen Kontinent innewohnende Gefahr. Seit ihres Inkrafttretens verlor Mexiko 200000 Arbeitsplätze und die Minimallöhne haben sich um 25% gesenkt.

Der Kampf gegen die ALCA hat für die lateinamerikanischen Bewegungen Priorität und ist daher mit allen antiliberalistischen Mobilisierungen verbunden. In Bolivien sind es die indigenen Nationen Quechua und Aimara, die  sie auf sehr entschiedene Art vorantreiben. Die zentrale Rolle der indigenen Nationen in diesem Kampf sind auch in Ekuador oder auch Chiapas wiederzufinden, wo am 1. Januar 1994, am Tag des Inkrafttretens der NAFTA, der zapatistische Aufstand begann.

Für die indigene Bevölkerung ist das kollektive Eigentum über das Territorium essentiell. Es wird oft gemeinsam verwaltet und als ein lebendiger Bereich angesehen, dessen biologisches Gleichgewicht zu respektieren ist. Die Erde kann keine Ware sein, die zum Verkauf angeboten wird. Da die Indigenos zumeist  eine wenig produktive Agrikultur betreiben, sind sie unter den ersten Opfern der Liberalisierung des Agrarhandels. Die absolute Bewusstheit dieser Tatsache erklärt die massenhafte Beteiligung der Aimara-Bauern in den Hochebenen gegen den Export von Naturgas aus Bolivien. Sie verweist auch auf ein exemplarisches Modell: die Verbindung zwischen den sozialen Bewegungen der abhängigen Länder mit den Kämpfen für eine andere Welt, die in den reichen Ländern noch äußerst begrenzt sind.


 

Die Bewegung der Indigenos gegen die ALCA

20 Jahre Verletzung der Menschenrechte in Perù

 

 


20 Jahre Verletzung der Menschenrechte in Perù

Cristiano Morsolin

Quelle: Granello di Sabbia, 30.10.2003, Übersetzung: G.Melle

Cristiano Morsolin ist Journalist und Mitarbeiter bei internationalen Netzwerken. Er ist Gründer des Osservatorio Indipendente (Unabhängiger Beobachter) für die Andenregion Selvas (www.selvas.org). Er arbeitet in Lima in der internationalen Kooperation.

Die Kommission für Wahrheit und Aussöhnung in Perù (CVR) hat vor zwei Monaten ihre Arbeiten an einem Bericht beendet, der 6500 Seiten über 20 Jahre Menschenrechtsverletzungen umfasst. Seine Schlussfolgerungen stehen weiterhin im Mittelpunkt der Debatte, gerade nach der kürzlichen Erklärung von Martis Rivas, Chef der Todesschwadron, "Gruppo Colina", der aussagte, dass er die Befehle direkt von dem ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori erhielt (siehe auch die Kampagne zur Aburteilung des peruanischen Pinochet: http://www.fujimoriextraditable.com.pe/).

Das von der Kommission Wahrheit und Versöhnung ausgearbeitete Dokument beschuldigt hauptsächlich die maoistische Guerilla Leuchtender Pfad, die Guerilla-Bewegung Tupac Amaru (MRTA), sowie die Armee der Regierung, aber es verweist auch auf die Verantwortung der ehemaligen Präsidenten Fernando Belaúnde (1980-1985), Alan García (1985- 1990), sowie auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Alberto Fujimori (1990-2000), der nach Japan flüchtete.

Diese Analyse der Gewalt im Andenstaat Peru schätzt 69.280 Tote und Desaparecidos (Verschwundene), die Opfer des politischen Terrors und der staatlichen Gewalt wurden. Drei von vier sprechen Quequa, sind also Angehörige der bäuerlichen und indigenen Schichten. Der größte Teil der Grausamkeiten wird der Guerilla angelastet. Die Sicherheitskräfte des Staates werden für das Verschwinden von mindestens 7000 Menschen verantwortlich gemacht. Gewaltig sind auch die ökonomischen Verluste, die zwei Jahrzehnte innerer Krieg verursachten. Sie werden auf ca. 25 Millionen Dollar geschätzt. Was die Dimensionen dieses inneren Konfliktes angeht, übertreffen die Schätzungen des CVR um das dreifache die bisher vermuteten Zahlen. Dieses schreckliche Guthaben übertrifft die unabhängigen Schätzungen von 30000 Toten und Desaparecidos unter der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983). Es bleibt das zweit schwerste hinter den 200000 Opfern (in der Mehrheit Maya) bei der Niederschlagung des Bürgerkrieges in Guatemala (1969-1996). Die Mehrheit der Opfer in Perù stammten aus den ländlichen Gebieten (79%), drei von vier sprachen Quequa, 68% hatten eine vollständige oder unvollständige  einfache Schulbildung genossen. Die neun Bände des Berichtes können unter www.cverdad.org.pe eingesehen werden.

Die Verantwortlichen

Nach der CVR ist der Hauptverantwortliche der Leuchtende Pfad (Sendero Luminoso), dem sie 54% der Opfer anlastet und die Organisation signalisiert, dass es sich hierbei um einen ungewöhnlichen Fall unter den Guerilla- und aufständischen Gruppen Lateinamerikas handelt. Sendero Luminoso praktizierte eine "extreme Gewalt von ungewöhnlicher Grausamkeit, mit Folter und Misshandlungen, um die Bevölkerung zu bestrafen und einzuschüchtern". Und der Bericht des CVR fügt hinzu, dass der Sendero "den Wert des Lebens und der Menschrechte negierte".

Die revolutionäre Bewegung Tupac Amaru MRTA zeichnet verantwortlich für 1,5% der Toten und Desaparecidos, die auf kriminelle Aktionen, Entführungen und Morde zurückzuführen sind. Vergessen wird nicht, dass der Schlussbericht auch die Verantwortlichkeit der demokratischen Regierungen Belaude und Garcia wie auch des Diktators Fujimori analysiert, "die außerstande waren, den bewaffneten Konflikt zu verstehen und mit ihm adäquat umzugehen". Insbesondere sind die Regierungen Belaunde und Garcia schuldig, dass sich in gewissen Zonen des Konfliktes, die Missachtung der Menschenrechte zur systematischen Praxis der Streitkräfte entwickelte, also nicht nur Exzess einiger ihrer Angehöriger war. Der Bericht unterstreicht, dass in gerade den zwei Jahren 1983 und 1984 (während der Regierung Belaunde) die höchste Zahl an Toten während des gesamten internen Krieges zu verzeichnen war: gut 19468 Opfer,  28% der Gesamtzahl.

Der Schlussbericht der CVR geht äußerst kritisch auf die Regierungszeit von Fujimori ein: Der Staatsstreich von 1992 bedeutete den "Kollaps des Rechtsstaates." Der Bericht erwähnt schreckliche Verbrechen: "Mord, gewaltsame Entführung und Verschwinden von Menschen, blutige Massaker". Die Sprache der Todesschwadron "Gruppo Colina" (des ehemaligen Chefs der Geheimdienste von Fujimori, Vladimiro Montesinos), mit der sie die vom Präsidenten Fujimori angeordneten Dekrete befolgt,   ist kriminell. Dem Präsidenten weist der Bericht besondere strafrechtliche Verantwortung zu.

Bezüglich der Aktionen der Streikräfte - die für 31% der Toten verantwortlich gemacht werden, kommt die CVR zu dem Ergebnis, "dass in der ersten Periode eine Strategie der unterschiedlosen Repression gegen die der Zusammenarbeit mit dem Sendero Luminoso verdächtigten Zivilbevölkerung angewandt wurde". In einer zweiten Etappe "wurde diese Strategie selektiver und machte sich fortgesetzter Menschenrechtsverletzungen schuldig. Zu bestimmten Perioden des Konflikts, handelte es sich laut CVR nicht um individuelle Exzesse, sondern um generalisierte oder systematische Verletzungen der Menschenrechte." Es wird die Aufgabe der richterlichen Gewalt sein, den Grad der strafrechtlichen Verantwortung der Offiziere festzustellen, welche die Antiguerillastrategie in den verschiedenen betroffenen Zonen leiteten, betont der Bericht der CVR.

Komplizenschaft von Kardinal Cipriani und Verantwortlichkeit der katholischen Kirche.

Auch die katholische Kirche wurde Gegenstand der Analyse der Wahrheitsfindungskommission. Nach dem Bericht der CVR war "die Verteidigung der Menschenrechte von Seiten des Bischofs von Ayacucho (augenblicklicher Kardinal von Lima, Mons. Luis Cipriani) während der meisten Zeit des Konflikts weder beständig noch entschlossen". Das Dokument stellt klar, dass der augenblickliche lateinamerikanische Vertreter des OPUS DEI, im der meisten Zeit des Konflikts die Arbeit der kirchlichen Organisationen bei der Verteidigung der Menschenrechte behindert hat, und sogar die Verletzung der Menschenrechte leugnete." Es muss jedoch erwähnt werden, dass der Bericht der CVR die katholische Kirche als Institution nennt, die sich der terroristischen Gewalt durch Aktivitäten zur Verteidigung der Menschenrechte verweigerte, wie z.B. jene, welche die Episkopale Kommission für soziale Aktion (CEAS) durchführte (siehe auch: www.ceas.org.pe).An dieser Stelle ehrt der Bericht auch die Priester, evangelische und katholische Gläubige, die ihren Einsatz für die Menschenrechte mit dem eigenen Leben bezahlten. Dennoch wird die Verantwortungslosigkeit einiger Kirchenbehörden von Ayacucho, Huancavelica und Apurimac beklagt, und dass sie ihren pastoralem Verpflichtungen zu Friede und Gerechtigkeit nicht nachgekommen sind.

Der Exekutivdirektor der Nationalen Koordination für Menschenrechte (CNDDHH), Francisco Soberon kommentiert: "diejenigen von ihnen, die seit den 80iger Jahren die nationale Entwicklung verfolgt haben, haben zugeschaut und wie  Cipriani den Familienangehörigen der Desaparecidos und all denen, die unter der Verletzung der Menschenrecht in Ayacucho gelitten haben, die Schulter gezeigt."

Die Gewalt in Ayacucho

Paradoxerweise wird der Schlussbericht der Kommission CVR den Bürgern von Ayacucho am 29. August präsentiert, als der Staat den Ausnahmezustand verordnete, um Unruhen zu verhindern. Ayacucha ist die Ecke des Todes in Quechua (wegen seiner Leiden in der Epoche der spanischen Conquistadores), es ist Schauplatz des Verbrechens und unglaublicher Gewalttaten durch Sendero Luminoso und durch die Repression der Regierung in den 80iger Jahren und es wird zum Szenario der Schwäche des demokratischen Staates mit der Angst vor der Rückkehr zum Terrorismus.

Im Licht der Publikation der Kommission Wahrheit und Aussöhnung zeichnet sich ein Panorama der sozialen Erregung, bestehend aus Demonstrationen, Streiks, Straßensperren gegen eine hauptsächlich rezessive ökonomische Politik und gegen den Stil einer Regierung, die wenig mit den täglichen Sorgen der Bevölkerung gemeinsam hat. Die autoritäre Nostalgie macht sich so in vielen konservativen Bereichen bemerkbar. Die Zerbrechlichkeit der toledistischen "Demokratie", wird dort oft mit der Stabilität der Fujimori Diktatur verglichen. Es beunruhigt weniger dieser Vergleich, schwerwiegender ist der Mangel an Sinn in den althergebrachten Institutionen und das Zurückgreifen auf wundersame Lösungen.

Die Auseinandersetzungen in der peruanischen Gesellschaft

Der Endbericht der Kommission CVR hat eine Unmenge kontrastierender Erklärungen hervorgerufen. Sie deuten auf einen tiefen Riss zwischen der Zivilgesellschaft und den Gewalten, die seit einigen Monaten eine Kampagne der unerbittlichen Opposition und der Diskreditierung gegen die Kommission führen. Besonders zu erwähnen ist die Reaktion verschiedener Generäle und Repräsentanten der Streitkräfte, die politisch einer subversiven Strategie verpflichtet sind und die zu verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten systematisch gegen die Menschenrechte verstieß.

Pater Gustav Gutierrez, Begründer der Befreiungstheologie, hebt die Sachlichkeit und Professionalität der Mitglieder der Kommission hervor: "Sie sind nicht nur in Perù anerkannte Persönlichkeiten, die für ihre moralische und intellektuelle Stärke bekannt sind. Wenn sie von Grausamkeiten sprechen, beziehen sie sich auf real vorgefallene Ereignisse, die nicht mehr zu verschleiern sind." Der Dominikanermönch unterstreicht, dass das ideale Ziel einer tiefgreifenden Lösung in der Vergebung liegen muss, jedoch sei es klar, "dass die Gesellschaft auch durch Sanktionen zur Gerechtigkeit kommen muss (...). Die Nervosismen sind verständlich, doch müssen die Beziehungen und die Zusammenarbeit der Institutionen mit denen aufhören, die das Recht und die Menschenrechte verletzen." Auch die Bischofskonferenz in Peru hat der Kommission für Wahrheitsfindung offiziell ihre Unterstützung zugesagt. Sie drückt so den Wunsch aus, dass der Schlussbericht dazu beitrage, "die Wahrheit über die schmerzlichen Ereignisse zu stabilisieren und dies mit dem Ziel, das kollektive Gedächtnis zur jüngsten Geschichte zu purifizieren." Auf der selben Linie liegt die Erklärung des Präsidenten Miguel Jugo, von der APRODEH, Asociación Pro Derechos Humanos (einer traditionsreichen ONG, welche die Nationale Koordination für Menschenrechte CNDDHH ins Leben rief. Siehe auch: www.aprodeh.org.pe). Er sagte: "Wir glauben, dass den Worten des Präsidenten Toledo Kontinuität gegeben werden muss, um zugunsten der Gerechtigkeit, der Widerherstellung und der Stärkung der Menschenrechte zu arbeiten. (...) Wir stimmen mit den Mitgliedern der CVR überein, die politische Verantwortung den Regierungen Belaunde und Garcia zuzuordnen und auch die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Alberto Fujimori zu benennen."

Der Kampf um Gerechtigkeit in der Zivilgesellschaft

Angesichts einer diffamierenden Kampagne, die von okkulten Kräften begleitet wird , welche die Unterstützung von Politiker und Massenmedien findet, um den demokratischen Prozess in Perù zu blockieren, mobilisiert die Zivilgesellschaft, die Bewegungen der Bevölkerung im Andenland, um einen neuen Sozialpakt zu begründen, der auf Gerechtigkeit und Aussöhnung beruht. In erster Linie stehen dafür Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte (unter ihnen die Nationale Koordination für Menschenrechte [CNDDHH] die Peruanische Gesellschaft für Menschenrechte [APRODEH], das kirchliche Zentrum Bartolomeo de las Casas, das Netz Jubiläum 2000, die Konferenz der Gläubigen in Perù) , die in zwei Jahrzehnten politischer Untaten, welche der Sendero Luminoso aber auch Polizei und Armee ausübten, außer Kraft gesetzt wurden.

Am vergangenen 20. August wurden dem Präsidenten Alejandro Toledo 22000 Unterschriften überreicht, welche die Bürgerrechtsbewegung PARA QUE NO SE REPITA (dass es sich nicht mehr wiederhole)  in der Bevölkerung sammelte. Am 27. August organisierte die Zivilgesellschaft eine Demonstration zur Unterstützung der Kommission für Wahrheitsfindung (CVR). Sie wurde koordiniert durch die Bewegung  PARA QUE NO SE REPITA. An ihr beteiligten sich 5000 Bürger,  darunter auch die Bewegungen der Kinder, der arbeitenden Jugend aus den Organisationen MANTHOC, MNNATSOP, JENATSO und JOC.

In Richtung einer weit verbreiteten Bekanntmachung des Schlussberichtes arbeiten mehrere internationale ONG's wie die Koordination Forum Solidaridad Perù, um nicht nur die Debatte in Lima zu begünstigen, sondern auch in den Randgebieten der Alpen und des Amazonas. Sie wollen so das Interesse an der prioritären Aufgabe aufrechterhalten, das den demokratischen Aufbau von unten begleitet. Es ist Frucht des Gewissens tausender Bürger, die sich in eigener Person für Friede und Gerechtigkeit im Kontext einer sehr komplexen Situation einsetzen, die gekennzeichnet ist durch strukturelle Armut aber auch durch jene charakteristische Würde der Peruaner, die nicht aufgeben und die kämpfen.

Darüber hinaus ist zu berichten, dass die Mobilisierung sich nicht nur auf Perù beschränkt, was auch einige internationale unabhängige Presseagenturen dokumentieren, darunter ADITAL aus Brasilien, ALAI  aus Ecuador, DIAL aus Frankreich, Agencia Internacional de prensa india aus México, Reseau d' information & de solidarité avec l'Amerique Latine aus Belgien, America Semanal aus den USA. Aus Argentinien erinnerte der Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel, dass es "notwendig ist,  angesichts dessen, was geschah, die Straffreiheit zu überwinden, damit es nicht wiederkehre ... NUNCA MAS ...Gibt es keine Wahrheit und Gerechtigkeit, gibt es auch keine wirklich Aussöhnung."

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