Wegbereiter der »Nelkenrevolution«

 Frank Bochow - Junge Welt/10.11.03

Der langjährige Generalsekretär der Portugiesischen KP, Alvaro Cunhal, begeht seinen 90. Geburtstag

 

Im April 1964 erschien im Portugal der Salazar-Diktatur eine Schrift mit dem Titel »Kurs auf den Sieg. Die Aufgaben der Partei in der demokratischen und nationalen Revolution.« Ihr Autor war Alvaro Cunhal, seit 1961 Generalsekretär der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PKP). Er analysierte in der Arbeit die Möglichkeit, auf der Grundlage eines breiten politischen Bündnisses unter Einschluß progressiver Militärs durch einen bewaffneten Aufstand das faschistische Regime zu beseitigen und grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen. Selten wurde ein politisches Programm so erfolgreich verwirklicht wie dieses. 1974 bis Ende 1975 fand in Portugal tatsächlich eine Revolution statt. Sie war weit mehr als der Übergang von einer Diktatur zur bürgerlich-parlamentarischen Demokratie. Monopole wurden verstaatlicht, die Großgrundbesitzer im Alentejo enteignet und der Boden den Landarbeitern übergeben, die Arbeiterkontrolle wurde Gesetz, den Kolonien die Unabhängigkeit gewährt. Auch wenn die sozial-ökonomischen Errungenschaften der »Nelkenrevolution« nicht erhalten werden konnten, setzte sie ein Zeichen, das heute noch aktuell ist: Eine andere Welt ist möglich.

Alvaro Cunhal, der heute sein 90. Lebensjahr vollendet, hat die PKP entscheidend geprägt. Sie gehört zu den wenigen kommunistischen Parteien Westeuropas, die sich nicht von ihren marxistischen Grundlagen getrennt hat und, trotz empfindlicher Rückschläge, heute einen wichtigen Platz im politischen Leben ihres Landes einnimmt. Das ist in hohem Maße das Verdienst Cunhals. Er würde diese Wertung zurückweisen, denn nichts ist ihm fremder als das Hervorheben seiner Person. Porträts von ihm in Parteibüros waren untersagt. »Es ist schlimm um eine Partei bestellt, wenn der Name ihres Spitzenfunktionärs nur unter Beifallsbekundungen ausgesprochen werden kann«, schrieb er 1985.

Cunhals Ansehen als Politiker, Publizist und Künstler gründet sich auf seinen jahrzehntelangen Kampf. Er ist seit 1931 Mitglied der PKP, nahm 1935 am VI. Kongreß der Kommunistischen Jugendinternationale in Moskau teil und kämpfte 1936 in Spanien auf seiten der Republik. Nach mehreren Verhaftungen wurde er 1949 erneut eingekerkert. Erst im Januar 1960 gelang ihm zusammen mit weiteren neun Gefangenen die Flucht aus der Festung Peniche. Zwei Jahre später ging er aus der Illegalität ins Exil, aus dem er am 30. April 1974 zurückkehrte und Minister in mehreren provisorischen Regierungen wurde. Bis 1992 war er Abgeordneter der Nationalversammlung.

Im selben Jahr trat er nicht wieder zur Wahl als Generalsekretär an, blieb aber bis heute Mitglied des Zentralkomitees der PKP. 1994 teilte er mit, daß er der Autor Manuel Tiago ist, unter dessen Namen mehrere bekannte Romane und Erzählungen erschienen sind. Daß sich die PKP nie in künstlerisches Schaffen eingemischt hat, gehört mit zu seinen Verdiensten. Das trug dazu bei, daß viele der bedeutendsten portugiesischen Kulturschaffenden (u. a. der Literaturnobelpreisträger José Saramago) der Partei angehören oder ihr nahestehen.

 

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